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Was versteht man eigentlich unter... Sozialphobie / soziale Angststörung?

Soziale Phobie / soziale Angststörung: Vermeidungsverhalten, sozialer Rückzug, Isolation (© disha1980 / Fotolia)

Soziale Angststörungen oder Sozialphobien sind eine weitverbreitete Störung der Psyche, die sich negativ auf Beruf, Karriere und das gesamte Leben auswirken. Der erste Schritt zur Prävention ist die Aufklärung, zu der dieser Glossar-Artikel beitragen möchte.

Sozialphobien – Menschenangst oder Situationsangst?

Soziale Phobien sind psychische Störungen der krankhaften Selbstunsicherheit, die der Gruppe der Angststörungen zugeordnet werden.

Sie werden unter den neurotischen Belastungs- und somatoformen Störungen zusammengefasst und wurden früher als soziale Neurose bezeichnet, die sich als krankhafte (übermäßige) Schüchternheit bemerkbar macht.

Patienten mit sozialer Phobie verspüren Ängste in einem bestimmten Sozialbereich oder sogar verschiedenen Sozialbereichen des Lebens. Ein häufiges Beispiel für soziale Situationsängste ist der Kontakt mit Fremden (in bestimmten Situationen).

Seit mehr als 2 000 Jahren wird die Sozialphobie vom Laien mit einer „Menschenangst“ gleichgesetzt. Im Wesentlichen handelt es sich bei sozialen Angststörungen aber im eigentlichen Sinn nicht um Menschenangst, sondern um Situationsangst und situationsgebundene Zwangsbefürchtung.

Gefühl, beobachtet und bewertet zu werden; Angst vor Kritisierung oder LächerlichmachungDie Phobie der Patienten bezieht sich in der Regel auf solche Situationen, in denen sie sich unter den Augen anderer Menschen bewegen oder sogar beweisen müssen. Bei der Beobachtung ihres Verhaltens durch Drittpersonen fürchten Sozialphobiker zwanghaft Kritik. In den meisten Fällen fühlen sie sich von anderen beobachtet und negativ evaluiert, obwohl keinerlei Beobachtung oder Bewertung erfolgt.

Soziale Phobien setzen meist schon in der Kindheit oder Pubertät ein. In den Jugendjahren gelten Anflüge von Unsicherheit bis zu einem bestimmten Maß als normal. verhängnisvolles VermeidungsverhaltenDie Diagnose einer sozialen Phobie wird daher erst bei ungewöhnlich starken Ängsten stellt, die ein verhängnisvolles Vermeidungsverhalten der entsprechenden Situationen zur Folge haben.

sozialer Rückzug, Leistungseinbruch, soziale IsolationIm Spätstadium einer sozialen Angststörung findet in der Regel sozialer Rückzug statt, der mit einem absoluten Leistungseinbruch und der Gefahr der sozialen Isolation einhergeht.

Sozialphobien schränken die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten ein, beeinträchtigen die Lebensqualität und wirken sich durch die verminderte Beziehungsfähigkeit auch auf die Arbeitsleistung aus.

Seelische, psychosoziale und psychosomatische Folgen

Aus einer sozialen Angststörung können sich seelische, psychosoziale und sogar psychosomatische Folgeerkrankungen entwickeln.

Frauen sind von sozialen Angststörungen häufiger betroffen als Männer. Rund 15 Prozent aller Frauen sollen an einer Form der Sozialphobie leiden. Bei Männern sind es schätzungsweise zehn Prozent. Diese Geschlechterverteilung geht auf viele Zusammenhänge zurück. Einer davon ist zum Beispiel der Zusammenhang, dass sich Frauen gerade im Berufsleben noch immer permanent unter Beweisdruck gegenüber dem männlichen Geschlecht fühlen. Perfektionszwang, Perfektionsdrang, permanenter LeistungsdruckDarüber hinaus sehen sich Frauen mitunter einer strengeren Bewertung ihrer Äußerlichkeiten ausgesetzt, was nicht zuletzt dem medial vermittelten Frauenbild geschuldet ist. Außerdem lässt sich am weiblichen Geschlecht oftmals eher ein perfektionistischer Hang beobachten. Diese und viele weitere Faktoren begünstigen eine Selbstunsicherheit, die sich zum Beispiel nach Negativerfahrungen zu einer Sozialphobie verfestigen kann.

Seit den vergangenen Jahrzehnten zeichnet sich bezüglich der sozialen Phobie eine starke Wachstumstendenz ab, die vermutlich auf den ständigen Leistungsdruck in der westlichen Welt zurückzuführen ist. Aufgrund der Wachstumstendenz gilt die Sozialphobie mittlerweile bereits als „Volkskrankheit“.

Formen sozialer Angststörungen

Die Situationsangst der Sozialphobie bezieht sich in allen Fällen auf Situationen, bei denen sich der Phobiker unter den Augen von Außenstehenden bewegt. Die angstbesetzten Situationen können sich von Fall zu Fall aber unterscheiden. Einige Sozialphobiker fürchten lediglich Examina oder öffentliche Auftritte. In manchen Fällen bleibt die Sozialphobie damit auf die Beobachtungssituation durch fremde Menschen begrenzt. In anderen Fällen erzeugen schon Alltäglichkeiten und die Beobachtung durch den eigenen Freundes- und Familienkreis die phobische Zwangsbefürchtung. Die Angst kann auf bestimmte, gesellschaftliche Anlässe bezogen sein, so zum Beispiel auf Partys, Restaurantbesuche oder Einladungen durch Freunde. Sie kann sich aber auch auf einen größeren Raum erstrecken, sodass der Phobiker irgendwann alle gesellschaftlichen Anlässe als angstbesetzt erlebt. Sobald das der Fall ist, ist von einer allgemeinen oder generalisierten Sozialphobie die Rede.

Neben Phobien bezüglich der Beobachtung durch fremde Menschen existieren auch Sozialphobien, die die Betroffenen ausschließlich die Beobachtung durch Personen des anderen Geschlechts fürchten lassen. Sozialphobien können sich damit in Form von gänzlich verschiedenen Situationsängsten äußern. Einige Sozialphobiker haben Angst, in der Gesellschaft anderer das Wort zu ergreifen, andere essen oder trinken nicht in der Gegenwart anderer Menschen oder fürchten sich davor, Geschäfte oder Büros zu betreten. Soziale Ängste im Berufsleben, als KarrierekillerHäufig beziehen sich soziale Phobien auch auf berufliche Bereiche, da gerade im Beruf eine ständige Beobachtung und Bewertung durch Dritte erfolgt. Sozialphobiker dieser Art suchen sich zum Teil Berufe, in denen sie der sozialen Interaktion möglichst weit fernbleiben können. Diese Art der Berufswahl schränkt die Entfaltungsmöglichkeiten der persönlichen Talente wesentlich ein und beeinträchtigt damit vor allem das persönliche Erfolgserleben.

Da Sozialphobiker häufig von hohem Ehrgeiz geprägt sind, verringert die Sozialphobie das ohnehin schon niedrige Selbstwertgefühl der Patienten noch mehr, sodass in Wechselwirkung auch die Sozialphobie immer schlimmer wird (siehe auch: mangelndes Selbstwertgefühl).

Soziale Angsterkrankungen eröffnen damit einen Teufelskreis, aus dem die Betroffenen nur schwer wieder herausfinden.

KontaktscheueDie häufigste Form der Situationsangst ist die allgemeine Form der Sozialphobie, die mit einer Zwangsbefürchtung gegenüber der meisten oder sogar aller Aktivitäten im zwischenmenschlichen Bereich einhergeht. Neue Kontakte knüpfen Menschen mit allgemeiner Sozialphobie kaum oder gar nicht. Außerdem meiden sie Unterhaltungen mit dem Chef, mit Kollegen, Nachbarn und manchmal sogar Nahestehenden.

Wie aus Schüchternheit eine Krankheit wird

Viele Sozialphobiker sind von Natur aus eher ängstlich oder in der Persönlichkeitsstruktur verletzlich und schüchtern. Eine genetische Prädisposition für Angststörungen ist aktuell Gegenstand der Diskussion. Die Familien-Anamnese der Patienten stellt sich oft als positiv heraus. Die Betroffenen sind also oft Menschen, deren Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten, Nichten oder Neffen dieselben Probleme hatten oder haben.

Nicht jede Unsicherheit, Ängstlichkeit oder Feinfühligkeit ist gleich eine soziale Phobie. Sogar bei einer genetischen Disposition entspricht der endgültige Auslöser der Erkrankung meist einer entsprechenden Umweltbelastung. So spielen oft Kränkungen, Blamagen, Frustration oder Demütigung eine wesentliche Rolle für die Pathogenese.

Vermeidungsverhalten, VermeidungskonditionierungDer verhaltenstherapeutische Ansatz zur Pathogenese geht von lerntheoretischen Hintergründen aus und sieht soziale Ängste / Sozialphobien erst durch Vermeidungskonditionierung bedingt (siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Vermeidungsverhalten). Das Vermeidverhalten der angstauslösenden Situationen wirkt für den Sozialphobiker angstmindernd, aber führt gleichzeitig dazu, dass die soziale Phobie aufrechterhalten wird.

Auch Prozesse des Modelllernens werden für die Sozialphobie als ursächliche Faktoren diskutiert, so zum Beispiel das Beobachtungslernen im Sinne einer Beobachtung von phobischen Reaktionen.

Vermeidendes Verhalten verhindert UmlernenDas Vermeidungsverhalten wird bei phobischen Störungen zu eigentlichen Ursache der Aufrechterhaltung. Durch Vermeidung können neue Erfahrung in den gefürchteten Situationen nicht gesammelt werden, sodass die ursächliche Erfahrung von Demütigung oder Kränkung in einer bestimmten Situation auch auf lange Sicht die einzige Erinnerung an die angstbesetzte Situation bleibt. Aufgrund des Vermeidungsverhaltens kann keine Gewöhnung im Sinne einer Habituation erfolgen.

Kognitionspsychologische Theorien fokussieren in diesem Zusammenhang vor allem die Rolle von Ängsten bei der Verarbeitung von Informationen. Wahrnehmungspsychologisch erwarten Menschen mit sozialen Ängsten negative Erfahrungen von einer sozialen Situation. Aufgrund des Selektivitätsprinzips menschlicher Wahrnehmung wird innerhalb einer Situation stets das verstärkt wahrgenommen, das die eigenen Erwartungen und vorgeprägten Meinungen erfüllt (selektive Wahrnehmung). Selektive, verzerrte WahrnehmungDa Menschen mit sozialen Angststörungen negative Erwartungen an die angstbesetzten Situationen haben, erfüllt sich diese Negativerwartung auch in ihrer Wahrnehmung von Situationen, die objektiv betrachtet neutral oder sogar positiv zu bewerten wären. Eine emotional motivierte Wahrnehmungsverzerrung stellt sich ein.

Psychodynamische Theorien halten wiederum unterschiedliche Bedingungen für förderlich bei der Angstentwicklung. Angst ist laut der Psychoanalyse eine Reaktion des Ichs auf drohende Gefahren hin. Damit können neben traumatischen Erlebnissen auch psychisch verdrängte Inhalte die Angstreaktion auslösen.

Der Schamangst gibt die Psychoanalyse die mitunter wesentlichste Rolle im Zusammenhang mit der sozialen Phobie und interpretiert die drohende Gefahr so als Bloßstellung, Demütigung oder Zurückweisung.

Defizit im Selbstkonzept, Überkompensation?Sozialphobikern unterstellt die Psychoanalyse darüber hinaus ein Abwehrverhalten vor grandios exhibitionistischen Wünschen wie dem Anspruch, in den Augen anderer Menschen gut dazustehen und als besonders wahrgenommen zu werden. In diesem Zusammenhang gilt ein Defizit im Selbstkonzept als ursächlich, das eine Überkompensationen zur Folge hat. Der Schamaffekt kann außerdem im Zusammenhang mit Traumas der Hilflosigkeit beobachtet werden oder als Signalangst vor Zurückweisung schützen.

Vegetative, kognitive und psychische Sozialphobie-Symptome vermindern die Lebensqualität

Das Beschwerdebild einer sozialen Phobie setzt sich aus seelischen, kognitiven, psychosozialen und körperlichen Symptomen zusammen. Die ursächliche Situation kann, wie weiter oben angemerkt, verschiedener Ausprägung sein. Zu den allgemeinen Aspekten des Krankheitsbilds zählt der Wunsch nach einer Vermeidung bestimmter Sozialsituationen. Diese Schüchternheit ist noch keine soziale Phobie, aber wird in Kombination mit den nachfolgenden Symptomen krankhaft:

  • Auf seelisch-psychosozialer Ebene verspüren die Patienten irrationale Angst, von anderen Menschen kritisch betrachtet, oder beobachtet zu werden. Neben der Furcht vor Fehlern und Blamage spielt die Furcht vor Demütigung eine wesentliche Rolle. Die Erwartungen von Sozialphobikern an die angstbesetzte Situation sind damit Ablehnung oder Misserfolg. Die Ängste entwickeln sich zu einem chronisch belastenden Problem der allgegenwärtigen Bedrohung und motivieren die Patienten zu einem Meideverhalten. Die Furcht vor den eigenen Fehlern und die Angst vor negativer Aufmerksamkeit, Erniedrigung oder Spott sind omnipräsent.
  • Kognitiv sind Sozialphobiker ununterbrochen mit grübelnder und negativer Selbstbeobachtung und schmerzhaften Minderwertigkeitsgefühlen beschäftigt. Die Selbstüberwachung geht in der Regel mit einer negativen Selbstbewertung aus.
  • Körperlich erleben Sozialphobiker ihre Angstzustände als vegetative Störungen, so zum Beispiel in Kombination mit Schweißausbrüchen, Herzklopfen, weichen Knien, Errötung, Zitteranfällen, Übelkeit, Schwindelgefühlen, einem Drang zum Wasserlassen oder trockenem Mund, Verspannungen, Kopfschmerzen und Durchfall.
  • Verhaltensauffälligkeiten wie Einsilbigkeit und Bewegungsreduzierung oder -retardierung können im Kontakt mit Sozialphobikern oft beobachtet werden. Die meisten Patienten machen einen intellektuell und körperlich weniger leistungsfähigen Eindruck als ihre Leistungsfähigkeit eigentlich zulassen würde. Oft werden sie aufgrund des so entstehenden Eindrucks von anderen Personen geschont, was sie selbst wieder als Negativbewertung ihrer Person auffassen.

Neben einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens und der Lebensqualität leiden Patienten sozialer Angststörungen also an geistig verminderter Leistungsfähigkeit, eingeschränkter Kreativität, verminderter Vitalität und reduzierter Aktivität. Damit sind sowohl psychische, also auch psychosoziale und rein körperliche Gesundheit der Betroffenen beeinträchtigt. Zwischen pathologischer Sozialphobie und physiologischer Schüchternheit existiert eine relativ fließende Grenze. Auch extrem schüchterne Menschen wollen nicht auffallen und ergreifen nur selten oder nie das Wort. Die Unterscheidung von Sozialphobie und Schüchternheit ist daher in vielen Fällen eine Herausforderung und führt oft zu falschen Einschätzungen.

Sozialphobiker wollen nicht auffallen und verhalten sich daher unauffällig

Höchstens jeder fünfte bis zehnte Sozialphobiker verhält sich „auffällig“. Dieser Umstand liegt daran, dass gerade ein Sozialphobiker eben nicht „auffallen“ möchte. Nur in den seltensten Fällen wirken Personen mit sozialen Angststörungen demonstrativ distanziert oder zurückweisend und ablehnend, vermeiden Blickkontakt, stottern auffällig oder schweigen über das normale Maß hinaus. Verbreiteter sind Ausreden, sich den gefürchteten Situationen nicht expositionieren zu müssen. Die Mehrheit aller krankhaft Schüchternen und sozial Verängstigten wird demzufolge für Außenstehende nur schwer sichtbar. Menschen mit sozialen Phobien können durchaus souverän in der Öffentlichkeit auftretenSozialphobiker können, wo unbedingt erforderlich, durchaus zwischenmenschliche Kontakte pflegen oder soziale Veranstaltungen durchstehen, aber leiden in diesen Situationen dementsprechend im Stillen. Wenn sich die Aufmerksamkeit auf sie zu richten droht, werden sie von Ängsten bezüglich ihres Aussehens, ihrer Beliebtheit, ihrer Anerkennung und ihrer eigenen Fehler überschwemmt und müssen nach dem vegetativen Blutdruckanstieg, dem Einsetzen von Herzrasen oder dem Beginn von Schweißausbrüche nicht nur gegen ihre Ängste, sondern zusätzlich gegen den eigenen Organismus ankämpfen. Trotzdem gelingt es vielen Menschen, ihre Symptome unter Kraftaufwand zu verbergen, um nicht noch negativer aufzufallen.

Außenwirkung: kompetent; innerlich: verängstigtDas verkrampfte Verbergen der Symptome ist damit ein logisches Symptom der Sozialphobie selbst, da es dem Phobiker zur Vermeidung von weiterer Kritik dient (vgl.: Kritik ertragen). Personen mit Sozialphobien wirken so äußerlich oft ruhig und kompetent, aber fühlen sich im Inneren klein, hilflos oder verängstigt.

Viele Sozialphobiker sind in ihrem Beruf durchaus erfolgreich: sie wirken teils überkompensierend selbstbewusst, stehen nicht selten sogar auf der Bühne oder im Rampenlicht und werden umjubelt, wodurch der Abgrund in ihrem Inneren nicht selten weiter anwächst (lesenswert in diesem Kontext auch: das Buch „Die narzisstische Gesellschaft“). Die anhaltende Exposition gegenüber der gefürchteten Situation kann in diesem Zusammenhang eine Verschlimmerung der Sozialphobie herbeiführen, da der Phobiker seine Symptome innerhalb der Situation anhaltend vertuscht und zu unterdrücken versucht. Nicht selten stellt sich eine Eruption der unterdrückten Ängste ein. Während das Vermeidungsverhalten zur Aufrechterhaltung der Phobie beiträgt, kann die erzwungene Exposition gegenüber der Situation bei fehlender Aufarbeitung der dabei empfundenen Ängste so eine Verschlimmerung der Sozialphobie herbeiführen.

Sozialphobiker können nach außen hin sozialkompetenten Eindruck erwecken

Soziale Kompetenz ist ein sogenannter „soft skill“ und wird im 21. Jahrhundert von Arbeitnehmern schon fast eingefordert. Die „Soft Skills“ entscheiden darüber, ob ein Arbeitnehmer die Führungsebene erreicht und haben so wesentlichen Einfluss auf den Erfolg im Beruf. Soziale Kompetenz wird oft als Summe aus allen individuellen Einstellungen und Fähigkeiten bezeichnet, die der Kooperation dienen und die die eigenen Handlungsziele mit Gruppeneinstellungen und Gruppenwerten verknüpfen. Mit der Sozialkompetenz werden einer Person die Fertigkeiten bestätigt, die ihre soziale Interaktion begünstigen. Einen Teilaspekt der sozialen Kompetenz bildet die soziale Intelligenz, also die Fähigkeit, andere zu verstehen und sich ihren Situationen angemessen zu verhalten (siehe auch: Emotionale Intelligenz).

Hinsch und Pfingsten verstehen die soziale Kompetenz als Anwendungsfähigkeit kognitiver, emotionaler und motorischer Verhaltensweisen, die in bestimmten Sozialsituationen günstige Konsequenzen für eine Person erwarten lassen.

Nach Zimmer ist auch die Rücksichtnahme auf soziale Anforderungen und bestimmte Situationsmerkmale ein entscheidender Aspekt der Sozialkompetenz.

Die Vermutung, dass ein Sozialphobiker nicht über Sozialkompetenz verfügen kann, ist eine Fehlannahme. Gerade Sozialphobiker ertragen es nicht, ihre Inkompetenz für andere sichtbar werden zu lassen und werden daher in jeder Situation krampfhaft darum bemüht sein, nach außen so kompetent wie irgendwie möglich zu erscheinen. Da es sich bei Personen mit sozialen Angststörungen häufig um überempfindliche Menschen handelt, sind sie für situative Anforderungen zuweilen sogar zugänglicher als Personen, die nicht an Sozialphobien leiden. Im Rahmen ihres Vertuschungsverhaltens können Sozialphobiker so extrem sozialkompetent wirken, obwohl sie eigentlich lieber weglaufen würden. Die Sozalphobie wird in diesen Fällen zur manifesten Störung, die wegen der ihr innewohnenden Widersprüchlichkeiten trotzdem unsichtbar bleibt.

Oft münden soziale Angststörungen in Suchtstörungen

In den meisten Fällen sind krankhaft Schüchterne nicht ohne Weiteres davon zu überzeugen, dass sie krank sind oder ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen sollten (bei therapie.de findet sich ein Kurztest zu Sozialphobie). Da soziale Angststörungen durch das Vertuschungs- und Vermeidungsverhalten nicht selten unerkannt bleiben, lebt eine ungeheuer große Dunkelziffer sozialer Phobiker lebenslang mit der Phobie. Sogar nach der Einsicht ihrer Störung gehen Personen mit sozialen Phobien zum Beispiel nicht davon aus, überhaupt von einer Therapie profitieren zu können. Neben manchmal auch mangelndem Mitteilungsbedürfnis bringt viele Betroffene die Vorstellung von einen beobachtenden, wertenden Therapeuten dazu, die Therapiesituation zu meiden. Die Situation der Therapie entspricht letztlich nämlich genau ihrer situativen Grundangst: der Beobachtung und kritischen Analyse von Außen.

Andere Betroffene halten ihr Verhalten lebenslang für halbwegs normal und interpretieren es als Schüchternheit, an der nichts zu ändern ist. Auch die Angst vor gesellschaftlicher oder psychiatrischer Kennzeichnung als „psychisch gestört“ trägt ihren Teil zur Entscheidung gegen Therapien bei. Je länger eine soziale Phobie nicht behandelt wird, desto mehr Folgeerscheinungen können sich einstellen. Viele Betroffene ziehen sich mehr und mehr zurück, bis sie irgendwann vereinsamen und sich so ihr Leben ruinieren. Menschen sind soziale Lebewesen. Die Isolation ist für sie nicht gesund und kann in eine psychische Deprivation und damit die unzureichende Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse münden.

Phobie oder Therapie - Betroffene müssen sich entscheiden | Gerade bei der Sozialphobie gibt es Hilfe nur durch eine Psychotherapie, denn das Vermeidungsverhalten blockiert jede Lösung und macht die Folgen der Erkrankung nur noch schlimmer, wenn der Teufelskreis aus sozialem Rückzug, Isolation und zunehjmender Depression rotiert (© L. Klauser / Fotolia)

Phobie oder Therapie – Betroffene müssen sich entscheiden | Gerade bei der Sozialphobie gibt es Hilfe nur durch eine Psychotherapie, denn das Vermeidungsverhalten blockiert jede Lösung und macht die Folgen der Erkrankung nur noch schlimmer, wenn der Teufelskreis aus sozialem Rückzug, Isolation und zunehjmender Depression rotiert (© L. Klauser / Fotolia)

Depressionen, SuchterkrankungenIn Spätstadien einer Sozialphobie verlassen Betroffene häufig ihre vier Wände nicht mehr. Oft gesellen sich zur sozialen Angststörung mit der Zeit so weitere Angstformen wie Panikzustände hinzu. Auch psychiatrische Folgen wie depressive Zustände oder Suchterkrankungen können die Folge sein.- Am mitunter anfälligsten sind soziale Phobiker für Selbstbehandlungsversuche mit Alkohol und eine daraus resultierende Alkoholsucht. Alkohol wirkt beruhigend und enthemmend. Der soziale Phobiker nimmt seine Ängste unter Alkoholeinfluss wesentlich weniger wahr und bewegt sich deutlich ungehemmter durch den Alltag. Kokain hat noch weitreichendere Folgen und stellt vor allem für Menschen mit starkem Selbstwertdefizit eine gern genommene Kompensationsmöglichkeit ihrer Selbstwertprobleme dar. Kokain übersteigert in diesem Zusammenhang das Selbstbewusstsein und hilft dem Sozialphobiker bei der Vertuschung seiner Phobie. Oft sieht der Betroffene vor allem durch die Anforderungen im Job keine andere Möglichkeit als die Selbstmedikation über Substanzen wie die genannten oder auch Beruhigungsmittel. Von der Betäubung der Situationsangst scheinen die Patienten anfangs zu profitieren. Nicht selten stellt sich aber gerade im Rahmen von Alkohol-, Medikament- und Drogeneskapaden eine demütigende Situation ein, die die Sozialphobie noch zuspitzt. Ein Teufelskreis mit immer höheren Substanzdosierungen stellt sich ein. In nicht allzu seltenen Fällen ist der absichtliche oder unbeabsichtigte Suizid die Endstation.

Ursächliche Behandlung von Sozialphobien sind ausschließlich Therapien

Unterschiedliche Ansätze stehen zur Vorbeugung und Behandlung einer Sozialphobie zur Verfügung. Zu unterscheiden sind präventive Maßnahmen von symptomatischen Therapien und ursächlichen Therapieansätzen.

Mit Psychotherapie die Ursachen bearbeiten und überwindenDer ursächliche Therapieansatz führt über Psychotherapie.

  • Mit kognitiver Verhaltenstherapie lernen Betroffene im Rahmen der Therapie in Verhaltensexperimenten ihre negativen Situationsbewertungen zu überprüfen und mit angemessenen Bewertungen der Situation auszutauschen (siehe auch Onmeda: Verhaltenstherapie bei Sozialen Phobien).
  • Die antizipatorisch nachträgliche Verarbeitung wird insofern verändert, als dass sich die negativen Grundüberzeugungen des Betroffenen verändern.
  • Außerdem lernen die Patienten in der Therapie, mit Risiken, möglichen Fehlern und der Ablehnung anderer umzugehen.
  • Ihren Perfektionsanspruch müssen die Betroffenen aufgeben und sich von der Meinung anderer Menschen emanzipieren.
  • Im Misserfolg-Training erlernen die Patienten den angemessenen Umgang mit Misserfolgen und die Akzeptanz ihrer Fehler, die sie nicht zu einem schlechteren Menschen machen.

Therapieunterstützend kommen körperliche Aktivitäten und Entspannungsübungen wie Autogenes Training zum Einsatz, um die Angst der Betroffenen zu lindern. Auch Selbsthilfegruppen sind begleitend eine sinnvolle Maßnahme.

Seminare und Coachings heilen nicht, sondern helfen nur „vertuschen“

Wer lediglich soziale Kompetenzen erwerben möchte, kann an Business-Trainings, Seminaren und Coachings teilnehmen. Bei diesen Ansätzen handelt es sich allerdings in keinem Fall um eine Ursachentherapie, die tatsächlich an der Phobie selbst ansetzt. Deshalb sollten soziale Phobiker niemals nur Coachings oder Seminare besuchen, da sie hierin eher lernen, ihre Situationsangst zu vertuschen als sie tatsächlich aus der Welt zu schaffen.

Nur in der psychoanalytischen / psychotherapeutischen Behandlung werden die zugrundeliegenden Konflikte der Psyche bearbeitet. Im Gespräch mit den Patienten üben sich die Therapeuten vor allem in Zuwendung, im Zuhören und in der Akzeptanz eines Leidens, das sich wegen des Rückzugs der Betroffenen nach außen hin nicht wesentlich äußert.

Die beste Therapie ist die Prävention. Bei sozialen Angststörungen entspricht die Prävention größtenteils der Aufklärung, der Aufmerksamkeit für die Anzeichen der Situationsangst und der rechtzeitigen Inanspruchnahme von Behandlungsmaßnahmen. Eine pharmazeutische Therapie kann in Kombination mit psychotherapeutischen Maßnahmen zwar erfolgen, reicht zur Ursachenbehebung als alleinige Maßnahme aber nicht aus, sondern lindert lediglich die Angstsymptome. Zur medikamentösen Therapie kommen vor allem Antidepressiva wie SSRI, MAO-Hemmer oder SSNRI zum Einsatz. Teils werden für Kurzzeitbehandlungen auch Benzodiazepine eingesetzt, die allerdings ein hohes Ahängigkeitspotenzial besitzen. Oft verschreiben Ärzte auch Johanniskraut gegen (leichte) Depressionen, die als Folge von Angststörungen wie Sozialphobien entstehen können und eine psychotherapeutische Bearbeitung der primären Ursache, nämlich der Angsterkrankung, erschweren.

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