Zum Teil kann Menschenkenntnis auch dem Wissen über empirisch fundierte Menschentypologien entspringen. Dabei ist es wichtig, dass solche Typologien nicht als "Wahrheit" verstanden werden, sondern als Hilfe bei der Einschätzung von Menschen.
Psychologie, Soziologie, Anthrophologie und viele andere Wissenschaften beschäftigen sich seit langem mit der Erklärung menschlichen Verhaltens, menschlicher Denkmuster und menschlicher Eigenschaften. Dabei wurden im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Typologien, d.h. Kategorien von Menschen entwickelt, welche die Komplexität, die sich aus der Individualität des Einzelnen ergibt, durch wissenschaftliche mehr oder weniger fundierte Typen, Gruppen, Cluster usw. reduziert werden soll. Da es sich dabei zwangsläufig immer um eine mehr oder weniger umfangreiche Generalisierung handelt, hat jede dieser Typologien ihre Schwächen und Fehler. Je weniger "Kategorien" ein Modell bietet, umso größer ist zwangsläufig die Generalisierung. Das impliziert oftmals, dass das Modell wenig praktischen Aussagewert hat, sehr allgemein ist oder sich eben sehr leicht sehr viele Gegenbeispiele finden lassen. Es überrascht nicht, dass bis heute noch keine einzig "wahre" Theorie oder "beste" Typologie gefunden wurde - vermutlich wird sie auch niemals gefunden.
Je kleiner die Zahl der Typen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass sich Menschen als "Zwischentyp" fühlen oder andere nicht eine der vorgegebenen Kategorien einordnen können. Der Kollege A oder Freund B ist dann etwas zwischen X und Y. Je weniger Typen zur Verfügung stehen, umso schwerer lässt sich jemand also zu einer Kategorie von Menschen einordnen. Je mehr Typen es gibt, umso weniger lässt sich ein Modell verstehen und merken - und verliert dann schnell an Alltagstauglichkeit und Popularität. Eine Klassifizierung von Menschen(typen) mit 30 verschiedenen Kategorien dient darüber hinaus auch nur wenig dazu, die Komplexität von menschlichen Zügen etwas transparenter und beschreibbarer zu machen. Jede Typologie ist also erstens eine Gratwanderung zwischen der Exaktheit der Kategorien, dem praktischen Nutzen als komplexitätsreduzierendes Erklärungsmodell, abhängig von der Zahl der "Schubladen". - Dabei ist die tatsächliche wissenschaftliche Gültigkeit der gewählten Gruppierungen zudem noch nichts gesagt.
Ohne Frage: Typologien von Menschen können eine Hilfe bei der schnellen Einordnung und Einschätzung von Menschen sein, insbesondere für den Anfang eines neuen Kontakts, bei dem man sein Gegenüber schnell "einordnen" möchte, um daran das eigene Handeln auszurichten. Vergessen Sie dabei jedoch nie, dass eine Typologie oftmals besonders von einzelnen Kriterien abhängt, andere - möglicherweise wichtige - Persönlichkeitseigenschaften bei der Einordnung aber gar nicht berücksichtigt werden. Vergessen Sie auch nie, dass es sich bei jedem Modell, jeder Typologie und jeder Einordnung um EINE von vielen möglichen Betrachtungsweisen eines Menschen handelt. Menschen sind immer reicher als die Generalisierungen, die über sie gemacht werden - das ist nicht zuletzt eine "menschliche" Vorannahme im Umgang miteinander.
Menschenkenntnis entstammt also aus Lebens- und Berufserfahrung sowie Kenntnis von Typologien als "Erklärungsmodellen". Wer seine Menschenkenntnis entwickeln möchte, kann also außer dem proaktivem Suchen, Eingehen und Pflegen von Kontakten vor allen Dingen sein Grundwissen über Psychologie und Soziologie auffrischen und sich näher mit den einzelnen Typologien von Menschen auseinandersetzen. Da vor der Menschen"kenntnis" im wortwörtlichen Sinne von "Kennen" erst noch das "Wahrnehmen" und "Einschätzen" steht, ist in diesem Kontext auch das Wissen um typische Wahrnehmungsverzerrungen hilfreich. Denn bevor wir zu etwas wie "Kenntnis" kommen, heißt es unsere Beobachtungen und Wahrnehmungen zu interpretieren. Und hier geschieht so manche Fehleinschätzung, die nicht nur auf Vorannahmen, Vorurteilen und Klischees beruht. |
Menschenkenntnis ist als Soft Skill Bestandteil der übergeordneten Kompetenzfelder > Personale Kompetenz > Soziale Kompetenz > Mentale Kompetenz
Der Schwerpunkt liegt im Bereich der "Sozialen Kompetenz", da der Erfolg und die Konfliktfreiheit von zwischenmenschlicher Interaktion sehr davon abhängen, wie weit die Teilnehmer der Interaktion ihr jeweiliges Gegenüber einschätzen können und die individuellen Charakteristika des Gegenübers berücksichtigend angemessen auf ihn eingehen können. Gleichzeitig ist Menschenkenntnis auch Bestandteil der "Mentalen Kompetenz", da die Einschätzung von Menschen sehr von emotionalen und psychischen Faktoren abhängt, zum Beispiel Glaubenssätzen darüber, wie andere Menschen oder Menschengruppen (generalisiert) sind.
Die zusätzliche Einordnung in das Kompetenzfeld "Personale Kompetenz" widerspiegelt, dass Menschenkenntnis auch sehr wohl einen erlernbaren Aspekt besitzt, genauer sogar einen selbstständig (autodidaktisch) erlernbaren Anteil. Dieser Teil umfasst vor allen Dingen das Wissen um Typologien, Beurteilungsprozesse und Beurteilungsmethoden. Personale Kompetenz enthält ja in der Regel vor allen Dingen Aspekte von Soft Skills, die unabhängig von sozialen Interaktionen erlernt werden können. Diese zu kennen und nutzen zu können, ist somit sehr wohl Bestandteil von Menschenkenntnis und Bestandteil des persönlichen Kompetenz-Portfolios.
Wichtige Begrifflichkeiten, die im Kontext von Menschenkenntnis häufig auftreten: > Taktgefühl > soziale Sensibilität > Lebenserfahrung
Bemerkenswert ist die Nähe zu Empathie als Soft Skill. Eine ausgeprägte Menschenkenntnis erfordert ein Mindestmaß an Empathie und korreliert meist auch mit dieser, d.h. empathische Menschen haben meist auch eine ausgeprägte Menschenkenntnis und Personen mit hoher ausgeprägter Menschenkenntnis verfügen meist auch über ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen. Viele Trainer sind sich daher einig, dass Menschenkenntnis auch ein wichtiger Bestandteil von Einfühlungsvermögen ist. |