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Sind Motive und Ziele kongruent? – Motivinkongruenz als ‚hidden stressor‘

Motivinkongruenz und ihre Folgen: Die angenommene Unabhängigkeit des impliziten und expliziten Motivationssystems (McClelland et al. 1989) impliziert, dass beide Systeme mehr oder weniger stark überlappen können. Neuere Studien zeigen, dass es einen Unterschied macht, ob implizite und explizite Motive bzw. implizite Motive und Ziele kongruent oder inkongruent sind.

Hat man z. B. ein hohes explizites Machtmotiv, würde man möglicherweise eine Führungsposition anstreben, weil sie mit hohem Ansehen verbunden ist und gesellschaftlich wertgeschätzt wird. Ist aber gleichzeitig das implizite Machtmotiv niedrig, hat man höchstwahrscheinlich keine Freude daran, anderen Mensch Anweisungen zu geben oder im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. Man müsste in diesem Fall Tätigkeiten ausführen, die für einen selbst nicht befriedigend oder sogar unangenehm sind.

Baumann et al. (2005) bezeichnen Motivinkongruenz als einen „hidden stressor“, also eine nicht unbedingt bewusste Quelle von Stress. Diese wirkt permanent, weil die Inkongruenz einen dauerhaften intrapsychischen Konflikt zwischen den unterschiedlichen Handlungs- und Erlebenstendenzen impliziter und expliziter Motive erzeugt. Dieser Stressor beeinträchtigt das Wohlbefinden ebenso wie andere Stressoren auch.

Ein weiterer Inkongruenztypus ist der zwischen impliziten Motiven und Zielen. Die Verfolgung motivkongruenter Ziele gelingt besser und ist meist auch erfolgreicher als die Verfolgung motivinkongruenter Ziele. Der Grund dafür ist, dass eine Vielzahl von Prozessen, welche die Zielverfolgung unterstützen (z. B. Aufmerksamkeitsausrichtung, Energetisierung und Lernen), automatisch in Gang gesetzt und gesteuert werden, wenn eine Tätigkeit oder ein Ziel durch ein implizites Motiv unterstützt wird. Nehmen wir z. B. das Ziel, erfolgreich eine Prüfung abzulegen, das etwa Anreize sowohl für das Leistungsmotiv (Kompetenzen erwerben) als auch für das Machtmotiv (andere übertreffen, Ansehen gewinnen) bietet. Personen, die über ein starkes Leistungs- oder Machtmotiv verfügen, sollten sich daher bei der Verfolgung dieses Zieles wacher fühlen, konzentrierter arbeiten und wichtige Strategien und Fakten rascher lernen als Personen, bei denen, statt eines dieser Motive, das Anschluss- oder Intimitätsmotiv stark ausgeprägt ist. Die Vorbereitung auf die Prüfung sollte leichter gelingen, weil Aufmerksamkeit und Energetisierung nicht bewusst reguliert werden müssen. Fehlt dagegen die Unterstützung durch ein implizites Motiv, dann müssen alle diese Prozesse willkürlich in Gang gesetzt werden, was volitionale Ressourcen mindert (Kehr 2004; Kap. 9) und im Erleben als Anstrengung und Unlust spürbar ist (Sokolowski 1996). Ziele, die nicht durch ein passendes Motiv gestützt werden, haben höchstens den Reiz, der von einer unerledigten Lohnsteuererklärung oder von einem Besuch beim Zahnarzt ausgeht.

Die Motiv-Ziel-Kongruenz wirkt nicht nur positiv auf die Zielumsetzung, sondern auch auf das Wohlbefinden. Fortschritte bei der Verfolgung eigener Anliegen äußern sich nur dann in positiven Affekten und einem Anstieg des subjektiven emotionalen Wohlbefindens, wenn diese Ziele mit der Motivstruktur einer Person kongruent sind…

Quellenangabe: Müsseler, Jochen; Rieger, Martina (Hg.) (2017): Allgemeine Psychologie. 3. Aufl. 2017. Springer-Verlag, Seite 232
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Kommentar zum Zitat:

Siehe zum Thema Motive, intrinsische Motivation und Lebensvision auch das spannende Buch "Das Reiss Profil" von Steven Reiss.

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