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Drei Typen sozialer Situationen: Typ R = „Recht durchsetzen“, Typ B = „Beziehungen“, Typ S = „Sympathie gewinnen“

Situationen, in denen ein mehr oder weniger großes Ausmaß an sozialer Kompetenz zum Tragen kommt, zeichnen sich immer dadurch aus, dass man an den oder die Interaktionspartner Forderungen hat (bzw. mit Forderungen konfrontiert wird).

Insofern liegt – oberflächlich betrachtet – das Ziel des Handelnden klar auf der Hand: Er möchte seine Forderung erfüllt bekommen. Stellt man aber in Rechnung, dass ein Charakteristikum sozialer Situationen in ihrer Komplexität besteht, wird die Annahme einleuchten, dass ein Ziel zur Kennzeichnung der Handlungsmotive nicht ausreicht. In aller Regel wird der in einer konkreten sozialen Situation Handelnde eine ganze Reihe von Zielen haben: »die eigene Forderung erfüllt bekommen«, »den anderen verletzen«, »dem anderen nicht weh tun«, »die eigene Überlegenheit beweisen«, »nicht lange diskutieren« etc. Solche Ziele werden nicht immer bewusst sein, dennoch können sie das Handeln bestimmen. Es ist unmittelbar einleuchtend, dass diese Ziele nicht alle zugleich erreicht werden können, z. T. schließen sie sich sogar gegenseitig aus. Oder anders ausgedrückt: Zur Erreichung dieser Ziele sind jeweils andere Verhaltensweisen erforderlich. In einer konkreten Situation ist man daher gezwungen, sich für die Priorität eines dieser Ziele zu entscheiden. Akzeptiert man die Annahme, dass bestimmte Verhaltensweisen für die Erreichung eines bestimmten Zieles optimal sind, bietet sich eine Differenzierung nach der Priorität der Ziele an. Wir gehen also davon aus, dass es Klassen von Situationen gibt, die durch das Vorherrschen bestimmter Ziele charakterisiert werden können.

Recht durchsetzen (Typ R). Situationen können sich dadurch auszeichnen, dass das Ziel des Verhaltens vorrangig in der Erfüllung eigener Forderungen liegt, die zudem durch gesellschaftliche Normen oder Konventionen legitimiert sind. Andere Ziele sind dagegen unbedeutend. Ein Beispiel wäre das Durchführen einer Reklamation nach dem Kauf einer fehlerhaften Ware. Hier ist schon im juristischen Sinne die Rechtslage eindeutig: Ich habe ein Recht auf eine fehlerfreie Ware. Soziale Kompetenz in diesen Situationen misst sich an der Effektivität des Verhaltens hinsichtlich der Durchsetzung dieses Rechts. In der Regel spielt die Frage, ob der andere aufgrund meines Verhaltens in seinen Gefühlen verletzt ist oder ob ich dem anderen mehr oder weniger sympathisch bin, keine oder nur eine geringe Rolle. Traditionelle Selbstsicherheitstrainings befassen sich vorwiegend oder ausschließlich mit dieser Art von Situationen. Insofern entsprechen die Skills, welche in diesen Trainings für besonders wichtig gehalten werden (Blickkontakt, lautes deutliches Sprechen, keine Entschuldigungen etc.) den Verhaltensweisen, die im GSK bei Situationen des Typs R (Recht durchsetzen) geübt werden (s. Arbeitsblatt 4, Kap. 5).

Beziehungen (Typ B). Andere Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass die Rechtsfrage im obigen Sinne irrelevant ist. Die Beziehungen zum Lebenspartner und zu Freunden liefern Beispiele solcher Situationen. Gegenüber diesen Personen habe ich zwar oft Forderungen, verfüge im Allgemeinen aber über keine rechtliche Legitimation, mit deren Hilfe ich diese Forderungen durchsetzen könnte.

Außerdem haben Individuen in solchen Situationen in aller Regel das übergeordnete Ziel, die Beziehung aufrechtzuerhalten oder zu verbessern. Setzt man dieses Ziel bei den Beteiligten einer Interaktion voraus, können Forderungen nur dadurch ganz oder teilweise erfüllt werden, dass zwischen den Beteiligten ein Konsens hergestellt wird. In diesen Situationen geht es also weniger um ein Durchsetzen als um ein Einigen. Eine Einigung wird aber nur schwer durch das Beharren auf einem vermeintlichen Recht erzielt werden können. Günstiger wird es sein, die eigenen Gefühle in den Mittelpunkt der Argumentation zu stellen, denn Gefühle sind Privatereignisse und von daher nicht diskussionsfähig. Im Unterschied dazu sind Normen, die von vielen Menschen in solchen Situationen als Argumentationsgrundlage benutzt werden (»Das gehört sich nicht«) sehr wohl diskussionsfähig, sie können sogar ausgesprochen lange und fruchtlose Diskussionen herausfordern. Für diesen Situationstyp sind also zumindest teilweise andere Verhaltensweisen erforderlich als für Situationen vom Typ »Recht durchsetzen«. Oder anders ausgedrückt: Soziale Kompetenz wird in Situationen vom Typ »Beziehungen« anders konkretisiert als in solchen vom Typ »Recht durchsetzen«. Wichtig sind hier das Aussprechen eigener Gefühle und Bedürfnisse sowie das Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse des Partners (s. Instruktionen zum Typ »Beziehung«, Arbeitsblatt 9, Kap. 5). Im Unterschied zum Typ »Recht durchsetzen« ist es hier auch oft sinnvoll, eigene Unsicherheiten offen anzusprechen. Der Interaktionspartner wird so ermutigt, seinerseits Unsicherheiten zu offenbaren, was den Weg zu einer Einigung entscheidend ebnen kann.

Um Sympathie werben (Typ S). Der dritte Typ von Situationen umfasst solche, bei denen – wie beim zweiten Typ – keine rechtliche Legitimation für die eigenen Forderungen vorhanden ist. Zu diesem Typ gehören genau betrachtet zwei Arten von Situationen:

  1. Es gibt Situationen, in denen eigene Forderungen nur dadurch erfüllt werden können, dass der andere auf sein Recht verzichtet. Ich agiere in diesen Situationen also nicht nur ohne, sondern in gewisser Weise sogar gegen eine rechtliche Legitimation. Ein typisches Beispiel wäre: Ich versuche, einen Beamten zu einer bevorzugten Abfertigung zu bewegen.
  2. Bei der zweiten Art von Situationen besteht das Ziel darin, zu dem anderen (kurzfristig) eine möglichst gute Beziehung herzustellen. Ein Beispiel wäre die Kontaktaufnahme zu anderen Personen oder auch das Verhalten eines erfolgreichen Verkäufers.

Beide Arten von Situationen haben gemeinsam, dass eine im Sinne des Ziels erfolgreiche Bewältigung dadurch erreicht wird, dass der Interaktionspartner mich möglichst sympathisch findet. Je mehr ich es in solchen Situationen schaffe, bei dem anderen das Bild eines netten, sympathischen Menschen entstehen zu lassen, desto eher werde ich mit dem konkreten Anliegen zum Erfolg kommen. In solchen Situationen ist es wichtig, dass man den anderen verstärkt, sein Interesse bekundet, nachfragt, Komplimente macht usw. (s. Instruktionen zum Typ »um Sympathie werben«, Arbeitsblatt 11, Kap. 5). Auch hier kann es oft sinnvoll sein, eigene Unsicherheiten offen auszusprechen. Das wirkt sympathisch und erhöht die Bereitschaft des Interaktionspartners, auf sein Recht zu verzichten und einem einen Gefallen zu tun. Eine große Bedeutung hat auch die flexible Anpassung an die situationalen Bedingungen. Während es in Situationen vom Typ R und B möglich und sinnvoll ist, eine relativ fest umrissene durchgängige Strategie zu verfolgen, steht hier das flexible Reagieren auf das Verhalten des anderen und auf die situativen Bedingungen im Vordergrund.

(…)

Im GSK wird daher versucht, den Klienten folgendes Konzept zu vermitteln:

  • Es gibt verschiedene, voneinander abgrenzbare Klassen von Situationen (Situationstypen).
  • Je nach Situationstyp sind unterschiedliche Fertigkeiten (soziale Kompetenzen) erforderlich, um das Ziel in optimaler Weise zu erreichen.
  • Die Frage, welchem Typ eine konkrete Situation zuzuordnen ist, muss der in der Situation agierende aufgrund seiner persönlichen Zielvorstellungen entscheiden.

Die eingangs gestellte Frage nach den Zielen des GSK lässt sich also dahingehend beantworten, dass den Klienten soziale Kompetenzen vermittelt werden sollen, mit deren Hilfe sie in verschiedenartigen Situationen ihre Ziele in optimaler Weise verwirklichen können.

Es sei angemerkt, dass sich diese Zielbeschreibung weitgehend mit der von Feldhege und Krauthan (1979) bezüglich des Verhaltenstrainingsprogramms zum Aufbau sozialer Kompetenzen (VTP) formulierten Definition deckt. Auch finden sich in diesem Training ähnliche Situationstypen, die dort als »Verhaltensbereiche« bezeichnet, allerdings (…)

Quellenangabe: Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK), Rüdiger Hinsch und Ulrich Pfingsten, 6. Auflage, BELTZ, Seite 105ff

Kommentar zum Zitat:

Mit den 3 GSK-Situationstypen haben Rüdiger Hinsch und Ulrich Pfingsten ein prägnantes Konzept geschaffen, wenn es um die Verbesserung sozialer Kompetenzen geht - und zwar nicht nur von klinisch Kranken mit psychischen Erkrankungen, sondern auch von Jedermann und Jederfrau. Obwohl das "Gruppentraining sozialer Kompetenzen" gern auch von Psychotherapeuten zum Beispiel in Gruppentherapie-Sitzungen benutzt wird, kann das Trainingskonzept auch von "normalen" Trainern, Coaches und Seminarinstituten genutzt werden - und wird es auch.

Sicherlich ist es nicht 'der Weisheit letzter Schluss', wenn es um das Trainieren sozialer Kompetenzen geht, aber die drei oben zitierten Typen sozialer Situationen sind prägnant und griffig. Sowohl der Trainer kann sich das Konzept leicht verinnerlichen, als auch der 'Trainierte', nennen wir ihn 'Klient' oder einfach 'Seminarteilnehmer'.

Der Charme des Konzepts im Training und in Gruppentherapie-Sitzungen liegt ganz sicher auch in der steigenden Schwierigkeit der Situationen bzw. Übungen. Im Situationstyp "R" - "Recht durchsetzen" genügen einfache, standardisierte Kommunikationsstrategien. Die Instruktionen für diesen Typ sozialer Situationen sind überschaubar, z.B. "Werden Sie nicht aggressiv, seien Sie höflich, aber bestimmt. Lassen Sie sich nicht auf eine Diskussion ein, sondern wiederholen Sie Ihre Bitte und bestehen Sie auf Ihr Recht." oder "Entschuldigen Sie sich nicht, stellen Sie nur die Sachlage klar. Benutzen Sie das Wort 'Ich' und drücken Sie ruhig Ihren Ärger aus." etc. - Die vergleichsweise Einfachheit des Situationstyps R resultiert unter anderem (erstens) daraus, dass die durchzusetzende Forderung in den typischen Situationen absolut berechtigt und sozial legitimiert ist (siehe auch: Durchsetzungsvermögen). Zweitens geht es in solchen sozialen Situationen nicht darum, eine Beziehung aufzubauen, zu erhalten oder zu verbessern, sondern einfach nur darum, dass objektiv zustehende Recht einzufordern. Notfalls beschränkt sich das nötige Verhalten darauf, seine Forderung immer wieder mit bestimmten Standardformulierungen zu wiederholen, nicht nachzugeben, nicht zu diskutieren, die Situation auszuhalten, bis das geforderte Recht gewährt wird. - Im GSK-Trainingskonzept wird dieser erste der drei Typen sozialer Situationen entsprechend gleich am Anfang geübt. Als Rollenspiel fällt diese Variante den meisten Teilnehmern noch leicht. In der Realität, sprich im Alltag draußen, haben manche Klienten dann jedoch eine erste Herausforderung. Manch einer kann es sich nicht vorstellen, aber viele Menschen haben ein Problem damit, es z.B. an der Kasse zu monieren, wenn die Kassiererin das Rückgeld falsch herausgibt; insbesondere, wenn es sich nur um einen minimalen Cent-Betrag handelt. Teilnehmer in GSK-Trainings werden jedoch explizit aufgefordert, solche Situationen im realen Alltag unbedingt anzunehmen und zu bewältigen. Denn auch wenn man die wenigen Cent verschmerzen kann und nicht kleinlich wirken möchte - es geht beim Training von sozialen Situationen des Typs R eben genau darum, das einem ganz objektiv zustehende Recht auf korrektes Rückgeld tatsächlich auch einzufordern und durchzusetzen. "Nicht kleinlich wirken wollen" ist in der Regel nämlich nur eine Rationalisierung von sozialen Ängsten und Vermeidungsverhalten.

Der zweite der drei Typen sozialer Situationen, der Situationstyp "B" - "Beziehungen", stellt für die Trainierenden eine erhöhte Schwierigkeit im Vergleich zum Typ R dar. Hier geht es nicht nur darum, seine Wünsche (Forderungen) durchzusetzen, sondern dabei auch die bereits bestehende Beziehung zum Gegenüber zu erhalten. Mit aggressivem, rechthaberischem Verhalten ist hier in der Regel kein Blumentopf zu gewinnen. Die große Schwierigkeit der Situationen vom Typ B ("Selbstsicheres Verhalten in Beziehungen") liegt darin, dass der Agierende seine Forderung in der Regel mehr oder weniger dadurch durchsetzen will, dass er ja mit der Forderung im Recht sei, dass sein Wunsch ja völlig berechtigt, nachvollziehbar, angemessen sei. Genau das ist aber oft der Knackpunkt und primärer Grund für Streitereien in Beziehungen. Der "ordentlichere" Partner verlangt vom anderen Partner, er möge doch jetzt bitte mal aufräumen, seine Sachen verstauen, die Küche nicht immer im Chaos zurücklassen, den Klodeckel schließen, die Schuhe wegräumen, das Geschirr nach Benutzung in den Geschirrspüler räumen und so weiter. Der "ordentlichere" Partner hält ein solches Verhalten für ganz normal, selbstverständlich, richtig und mithin "sozial legitimiert". Die Schwierigkeit für den Trainer beim Üben von sozialen Situationen des Typs B liegt darin, den Teilnehmern klar zu machen, dass sie bei solchen Situationen kein Recht darauf haben, dass der andere ihren Wünschen Folge leistet. Die Teilnehmer müssen lernen, dass sie ein Recht darauf haben, ihre Gefühle in der Situation und über das Problem zu äußern, dass sie ein Recht darauf haben, ihre Wünsche an den anderen zu äußern, aber dass sie eben kein Recht darauf haben, dass der andere sich wunschgemäß verhält. Das fällt vielen ziemlich schwer, denn "der Ordentlichere" wähnt sich wie selbstverständlich im Recht gegenüber dem "Unordentlicheren", um nur bei diesem einen konkreten Alltagsbeispiel zu bleiben, dass exemplarisch für Streitereien und soziale Situationen des Typs "Beziehungen" laut GSK ist.

Typ III unter den sozialen Situationstypen im GSK ist der Typ "S" - "Um Sympathie werben". Hier ist die Kernaussage: Sei nett, mach' Dich sympathisch, Du kannst nur gewinnen, wenn der andere Dich sympathisch findet. - Und wie soll man das erreichen? Die Instruktionen sind hier vielfältig(er), und im Einzelnen auch nicht unbedingt schwieriger. Dennoch gilt der Situationstyp "S" als schwierigste Übungssituation, weil hier keine stur einstudierbaren Verhaltensmuster genutzt werden können, sondern etwas mehr Feingefühl nötig ist, was man wann macht. Die Grundregeln bzw. -instruktionen lauten: Mach' Komplimente, zeige Dich interessiert, frage nach, lobe und bestätige den anderen ("verstärke ihn"). Darüber hinaus wird empfohlen, in dosierter Form auch aktiv und bewusst etwas über sich zu erzählen, sprich: "etwas über sich preisgeben", weil das Misstrauen abbauen bzw. Vertrauen aufbauen hilft.

Sicherlich ist mit den drei Situationstypen nicht jede Art von sozialer Situation erfasst und beschrieben. Der Charme dieser Aufteilung im GSK-Konzept ist jedoch die hohe Praktikabilität und Trainierbarkeit. Drei Typen kann sich jeder merken, und die drei Situationstypen decken breite Bereiche des Alltags ab. Selbst Trainierende, die größere Probleme mit Sozialkompetenz bzw. sozial kompetentem Verhalten haben, werden nicht zu sehr überfordert und können Erfolgserlebnisse und Fortschritte im Sozialkompetenztraining machen. [kommentiert von A. Moritz am 20.11.2016]

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